Loki Schmidt – Hamburg feiert eine besondere Frau

Loki Schmidt (mi.) mit ihren Geschwistern Christoph (li.) und Linde Glaser, Hamburg 1928, (c) HSA

Der Text stammt von Prof. Reiner Lehberger und ist erschienen in:

Kopitzsch, Franklin und Brietzke, Dirk (Hg.): Hamburgische Biografie. Personenlexikon, Band 6, im Wallstein Verlag, Göttingen 2013

Die Ehrenbürgerschaft, die Loki Schmidt 2009 vom Hamburger Senat verliehen wurde, war für sie die größte Ehrung, die einem Hamburger widerfahren kann.

Zeit ihres Lebens hatte sie eine enge Beziehung zu ihrer Heimatstadt. In dieser Stadt lernte sie bereits als Kind ihren späteren Ehemann kennen, hier war sie drei Jahrzehnte als Lehrerin tätig. Hamburg galt auch in den Jahren, als sie mit dem SPD-Politiker Helmut Schmidt in der Bundeshauptstadt Bonn lebte, als ihr Zuhause. Nach dem Ende der Kanzlerschaft ihres Mannes endgültig nach Hamburg zurückgekehrt, initiierte und begleitete sie in dieser Stadt zahlreiche Naturschutzinitiativen sowie kulturelle und pädagogische Projekte. Über viele Jahre war sie Mitglied des Naturschutzrats in Hamburg, der die Umweltbehörde berät.

Hannelore Schmidt wurde am 3. März 1919 als erstes Kind des Elektrikers Hermann Glaser und der Schneiderin Gertrud Glaser im Hamburger Stadtteil Hammerbrook geboren. Mit Anwachsen der Familie – Hannelore hatte einen Bruder namens Christoph (geb. 1920) und zwei Schwestern namens Linde (geb. 1922) und Rose (geb. 1929) – zogen die Glasers aus der Wohnung der Großeltern zunächst in eine Wohnung nach Borgfelde, dann in einen Neubau für kinderreiche Familien nach Horn.

Schon als kleines Kind gab Hannelore sich selbst den Rufnamen Loki – offenbar nach dem Riesen aus den Sagen der nordischen Mythologie –, und dieser Rufname wurde zu ihrem Markenzeichen.

Die Lebensverhältnisse der Familie waren ärmlich. Ab 1931 war der Vater arbeitslos, die Mutter hatte schon in den Jahren zuvor als Näherin zur Unterstützung der Familie dazuverdienen müssen. Loki hatte neben der Schule die Aufsicht über die jüngeren Geschwister und haushaltliche Pflichten. Durchaus typisch für die Arbeiterschaft der zwanziger Jahre waren der ausgeprägte Bildungsdrang des Ehepaars Glaser und der Wunsch, den eigenen Kindern möglichst umfassende Bildungsanregungen zu geben. Ihre Liebe zur Natur, zur Literatur, Musik und Kunst, aber auch handwerkliche Geschicklichkeit – all dies schrieb Loki Schmidt auch ihrem Elternhaus zu.

Ihre schulische Bildung war außergewöhnlich, denn sowohl die besuchte Grundschule, die Schule Burgstraße (1925-29), als auch die höhere Schule, die Lichtwarkschule (1929-37), gehörten zum Kreis der Hamburger Versuchs- und Reformschulen. Für beide Schulen galt ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern, eine starke Betonung der ästhetischen und körperlichen Bildung und eine Unterrichtskultur des freien, schülerorientierten und selbstständigen Arbeitens sowie der Beteiligung der Eltern am Schulleben. Mit Eintritt in die Lichtwarkschule lernte sie den Klassenkameraden Helmut Schmidt kennen. Es entstanden eine enge Freundschaft und Vertrautheit, die ein Leben lang tragen sollten. 1937 wurde die Lichtwarkschule aus politischen Gründen von den Nationalsozialisten aufgelöst. Loki legte daher ihr Abitur an der Klosterschule ab.

Nach Absolvierung des Reichsarbeitsdienstes folgte von 1938 bis 1940 eine Ausbildung zur Volksschullehrerin an der von den Nationalsozialisten neu eingerichteten Hochschule für Lehrerbildung. Bereits im Mai 1940 trat sie in den Hamburger Schuldienst ein. Bis zu ihrem endgültigen Ausscheiden als Lehrerin im September 1971 arbeitete sie an sieben verschiedenen Schulen der Hansestadt, darunter die Schule am Bauerberg, die Schule Hirtenweg, die Schule Othmarscher Kirchenweg und die Schule Eberhofweg. Seit Herbst 1940 war sie mit einer Gruppe von mehr als 20 Mädchen ihrer Schule am Bauerberg über ein Jahr lang in der sogenannten Kinderlandverschickung in Bayern. Die erzieherischen Aufgaben, die Gestaltung des täglichen Lebens und die Verantwortung für die ihr anvertrauten Kinder standen in dieser Zeit im Vordergrund und brachten die junge Lehrerin an ihre physischen und psychischen Grenzen.

Nach 1945 knüpfte sie in ihrer pädagogischen Arbeit an die reformpädagogischen Erfahrungen aus ihrer eigenen Schulzeit an. Meist führte sie ihre Grundschulklassen über vier Jahre, um sie zu einer Lern- und Sozialgemeinschaft zu entwickeln. Sie unterrichtete fächerübergreifend und projektorientiert, nutzte verschiedene Sozialformen für den Unterricht, betonte das praktische Lernen und die Einbeziehung außerschulischer Lernorte und pflegte eine aktive Elternarbeit. Wegen dieser noch heute hoch aktuellen Pädagogik blieb sie zeitlebens eine geschätzte und anregende Gesprächspartnerin auch für jüngere Lehrkräfte. Nach ihrer Rückkehr aus Bonn widmete sie sich in ihrem pädagogischen Engagement vor allem der Unterstützung von Schulkindern in schwierigen sozialen Verhältnissen. Zusammen mit Tyll Necker initiierte sie das „Lernwerk“ der ZEIT-Stiftung, das seit 2000 verschiedene Programme insbesondere für Grund-, Haupt- und Gesamtschulen aufgelegt hat.

Die enge Freundschaft mit Helmut Schmidt mündete 1942 in eine fast 70 Jahre dauernde Ehe, der zwei Kinder entstammen: der früh verstorbene Sohn Walter (1944-45) und die Tochter Susanne (geb. 1947). Nach Kriegsende und der Rückkehr von Helmut Schmidt aus britischer Kriegsgefangenschaft sorgte Loki Schmidt als Lehrerin für das finanzielle Auskommen der Familie. 1949 schloss ihr Mann ein Studium der Volkswirtschaft an der Universität Hamburg ab und begann eine Laufbahn im öffentlichen Dienst der Hansestadt.

1953 wurde Helmut Schmidt in den Deutschen Bundestag gewählt. In den Jahren seiner Abgeordnetentätigkeit in Bonn konzentrierte sich das Familienleben auf das Wochenende und die gemeinsamen Ferien am Brahmsee, wo das Ehepaar 1957/58 ein Grundstück erworben hatte. Erst in den Ministerjahren ihres Mannes ab 1969 verlegte auch Loki Schmidt ihren Lebensmittelpunkt nach Bonn und nahm protokollarische und ehrenamtliche Aufgaben wahr. Nach Aussagen ihres Mannes wurde sie zu einer für ihn wichtigen politischen Beraterin.

Loki Schmidt galt seit Ende der siebziger Jahre als die wohl bekannteste Naturschützerin in Deutschland. Von einer Hobbybotanikerin entwickelte sie sich zu einer auch in Fachkreisen anerkannten wissenschaftlichen Kapazität. Insbesondere überzeugten die Breite ihres botanischen Wissens und ihr vielfältiges Engagement für den Pflanzenschutz. Seit 1976 wirkte sie im Kuratorium zum Schutz gefährdeter Pflanzen, später in der daraus hervorgegangenen Stiftung zum Schutz gefährdeter Pflanzen, die 1985 mit der Stiftung Naturschutz Hamburg fusionierte und heute den Namen Loki Schmidt Stiftung trägt. Seit 1977 vergibt die Stiftung die „Loki Schmidt Silberpflanze“ als Auszeichnung für Naturschützer, seit 1980 wählt sie die „Blume des Jahres“, die Loki Schmidt bis zu ihrem Tod immer selbst zeichnete und öffentlich präsentierte.

Kuhschelle (Pulsatilla) , Blume des Jahres 1996, gezeichnet von Loki Schmidt

Seit 1976 unternahm Loki Schmidt mit der Max Planck Gesellschaft zahlreiche Forschungsreisen auf verschiedene Kontinente, die sie auch dokumentierte; darüber hinaus initiierte sie einen internationalen Gärtneraustausch. Besonders am Herzen lag ihr ihr „Urwald“ in direkter Nachbarschaft zum Ferienhaus am Brahmsee, eine stillgelegte Fläche, auf der sich die Natur ungestört entwickeln konnte.

Zur großen öffentlichen Wirkung Loki Schmidts trug auch ihre Arbeit als Autorin bei. So hat sie ein Standardwerk zu den botanischen Gärten in Deutschland sowie mehrere autobiografisch angelegte Bücher vorgelegt, die regelmäßig vordere Plätze auf den Bestsellerlisten einnahmen.

Loki Schmidt hat vielfältige und zahlreiche Ehrungen erhalten, darunter die Ehrendoktorwürde der Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg (1997) und des Fachbereichs Biologie der Universität Hamburg (2000), die vom Hamburger Senat verliehene Ehrenprofessur (1999), den renommierten Deutschen Umweltpreis (2004) sowie die Ehrenbürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg.

Bei all diesen Ehrungen stand ihr Engagement für den Naturschutz und die Erforschung der Pflanzenwelt im Mittelpunkt. Nach ihr benannt sind u. a. mehrere von ihr entdeckte Blumenarten sowie eine Skorpionart aus dem Gebiet des Amazonas. Ihren Namen tragen: der Botanische Garten Hamburg; das Museum für Nutzpflanzen der Universität Hamburg im Botanischen Garten („Loki-Schmidt-Haus“), die Schule Othmarscher Kirchenweg sowie die „Loki Schmidt Gewächshäuser“ des Botanischen Gartens der Universität Rostock.

Loki Schmidt verstarb am 21. Oktober 2010 in ihrem Haus in Langenhorn. Die öffentliche Anteilnahme an ihrem Tod war außerordentlich, nahezu alle führenden Repräsentanten der Bundesrepublik kamen zur eindrucksvollen Trauerfeier in den Hamburger Michel.

Ihre letzte Ruhestatt im Familiengrab der Eltern von Helmut Schmidt in Hamburg-Ohlsdorf ist, wie sie es sich gewünscht hatte, denkbar schlicht.

Wenn die Sonne lacht, dann lachen die Blüten mit. Der Sommer ist für die meisten Menschen eine Zeit mit vielen Höhepunkten - allen voran natürlich die verschiedenen Blumen: Denn da blühen so unterschiedliche Blütenformen, eine unglaubliche Vielfalt.

Sommer, Loki Schmidt